Zusammenschau von PISA und PIAAC zeigt: „Großer Wurf“ für Erwachsenenbildung nötig

Vererben von Bildungsniveaus bei 1 Million Erwachsener mit Leseschwierigkeiten nicht überraschend - Erwachsenenbildung Tirol regt Initiative zur Teilnahme bisher passiver Personen an der Erwachsenenbildung anAuch wenn sich die aktuellen PISA-Ergebnisse in die richtige Richtung entwickeln, bleiben die großen Herausforderungen in Österreich bestehen. Nach wie vor verlassen zu viele Jugendliche mit Schwierigkeiten in den Kulturtechniken die Schule und nach wie vor werden geringe Bildungsniveaus mit zu hoher Wahrscheinlichkeit von den Eltern an die Kinder weitergegeben. „Hier in schulischen Maßnahmen allein die Lösung zu suchen, greift zu kurz. Genau so wichtig ist es, im vorschulischen Bereich und in der Erwachsenenbildung anzusetzen“, erklärte der Vorsitzende der Erwachsenenbildung Tirol, Mag. Ronald Zecha. Aus der vor einem Monat veröffentlichten PIAAC-Studie („Erwachsenen-PISA“) ist bekannt, dass in Österreich etwa eine Million Menschen Schwierigkeiten beim Leseverständnis eines längeren Textes haben. Man kann davon ausgehen, dass sich unter diesen viele Eltern und Großeltern befinden. „Es ist nicht nur aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit notwendig, diese Menschen zur Teilnahme an der Weiterbildung zu motivieren und vom persönlichen Nutzen des lebenslangen Lernens zu überzeugen. Denn dadurch tragen wir dazu bei, in den Familien, wo es am notwendigsten ist, ein bildungsfreundliches und auch für die Kinder motivierendes Klima zu schaffen und so dem unerwünschten sozioökonomischen Effekt entgegenzuwirken“, so Zecha weiter.Um das erreichen zu können, ergeben aus der Zusammenschau der PISA-Studie mit der vor rund zwei Monaten veröffentlichten PIAAC-Studie, in der die Leistungen der 16- bis 65-Jährigen untersucht worden waren, für die neue Regierung folgende dringenden Handlungsfelder:

  1. Die Initiative Erwachsenenbildung, in der Bund und Länder das Nachholen des Pflichtschulabschlusses und das Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen kostenlos ermöglichen, muss auf ein Vielfaches ausgeweitet werden. Dabei reicht es nicht, lediglich Interessierten diese grundlegenden Bildungsangebote anzubieten, künftig müssen auch vermehrt Maßnahmen gesetzt und finanziert werden, die Betroffene zum Nachholen dieser wichtigen Bildungsziele motivieren.
  2. Aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit und als Maßnahme zur Vermeidung des sozioökonomischen Effekts (Vererben des Bildungsniveaus) muss durch öffentliche Mittel sichergestellt werden, dass allen Menschen, auch den sozial Schwächeren, und vor allem den Bildungsfernen, künftig die Teilnahme an der Erwachsenenbildung möglich ist. Niemand soll aus finanziellen Gründen von grundlegendem Wissen, Kompetenzen, kreativer- und Wertebildung und Körper- und Gesundheitsbildung ausgeschlossen sein. Dies sollte im Sinne des in der LLL-Strategie des Bundes formulierten Zieles „Erhöhung der Lebensqualität in der nachberuflichen Lebensphase durch Bildung“ ausdrücklich auch für finanziell schlechter gestellte PensionistInnen gelten. Von großer Bedeutung ist dabei die Sicherstellung und Weiterentwicklung eines regionalen und kontinuierlichen Grundangebotes, das jene Themen und Inhalte umfasst, die die Menschen in jeder Region eines Landes unabhängig von Einkommen, Geschlecht, Herkunft und geografischer Entfernung für ihre persönliche Entfaltung, die soziale Integration, eine aktive Bürgerschaft und die Beschäftigung benötigen.
  3. Empfohlen wird auch eine längerfristig angelegte, ausreichende Finanzierung der gemeinnützigen, öffentlich anerkannten Erwachsenenbildungseinrichtungen und auch höherer Bildungsangebote wie der Berufsreifeprüfung. Damit soll sichergestellt werden, dass den Menschen qualitativ hochwertige Weiterbildungschancen auch dann geboten werden können, wenn sie sich mit Teilnahmebeiträgen nicht kostendeckend finanzieren lassen. Dazu gehören auch die Weiterentwicklung der öffentlichen Bibliotheken als wichtige Orte der Leseförderung und eine verstärkte Koordination zwischen Weiterbildungseinrichtungen und öffentlichen Bibliotheken.

Wenn die Bekenntnisse der Politik zur Bildung nicht nur leere Worthülsen sein sollen, sondern – dem oft angekündigten neuen Stil entsprechend – ernst gemeint sind, dann muss endlich in die Erwachsenenbildung investiert werden. „Die Initiative Erwachsenenbildung, mit der Erwachsenen das Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen oder das Nachholen des Pflichtschulabschlusses kostenlos ermöglicht wird, sind erste gute Ansätze aus der letzten Regierungsperiode. Wenn allerdings der Bund dafür pro Jahr weniger Geld zur Verfügung stellt wie für zwei Gymnasien (!), zeigt das bereits die Grenzen auf. Im Sinne einer messbaren Verbesserung und der Schaffung einer grundlegenden Bildungsgerechtigkeit sind Bund und Länder gefordert, die Erwachsenenbildungsbudgets in den nächsten Jahren zu vervielfachen und Programme auszuarbeiten, mit denen vor allem auch Menschen angesprochen werden können, die sich aus eigener Kraft Weiterbildung nicht leisten können“, erklärte Zecha die Notwendigkeit eines „großen Wurfs“ für die Erwachsenenbildung.Dabei sind aktuell die derzeitigen Koalitionsverhandler gefordert. Aber auch die Bundesländer tragen hier Verantwortung: „Es darf nicht unkommentiert bleiben, wenn die Politik einerseits laufend den Wert der Bildung betont und dann andererseits beispielsweise die neue Salzburger Koalition als eine der ersten Maßnahmen die ohnehin weit unter dem Schulbudget liegenden Mittel für die Erwachsenenbildung drastisch kürzt. PIAC und PISA zeigen, dass das genau der falsche Weg ist und Bildung zum Luxusgut werden lässt. Eine derartige Politik wird sowohl den finanziell schlechter gestellten Erwachsenen als auch deren Kindern auf den Kopf fallen“, zeigt Zecha auf. Gerade der Blick in die skandinavischen Länder zeigt, dass eine gut funktionierende und ausreichend ausgestattete Erwachsenenbildung einen unverzichtbaren Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit auch der jungen Menschen leistet. Denn diese schneiden nicht nur bei den Studien hervorragend ab, sie haben auch schon längst das Konzept des lebenslangen Lernens erfolgreich umgesetzt.Innsbruck, 03.12.2013Rückfragen:Erwachsenenbildung Tirolc/o Volkshochschule TirolMag. Matthias Bauer0512 58 88 82 - 13

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